Patienten fragen, warum sie zunehmen, obwohl sie auf die Ernährung achten, und bei manchen liegt die Ursache im Dienstplan. Der Körper folgt einem vom Licht gesteuerten Tagesrhythmus: Abends steigt Melatonin, gegen Morgen Cortisol, und die Glukosetoleranz ist morgens deutlich höher als mitten in der Nacht. Dieselbe Mahlzeit erhöht den Blutzucker nachts stärker als mittags. Schichtarbeit zwingt dazu, nachts zu essen und tagsüber zu schlafen, gegen diesen Rhythmus. Nach einer solchen Störung steigt der Insulinspiegel, das Lipidprofil verschlechtert sich und der Appetit auf kalorienreiches Essen nimmt zu.
Eine Metaanalyse von 26 Studien mit 311.334 Teilnehmenden zeigte, dass Schichtarbeit mit einem um 25 % höheren Risiko für Übergewicht (relatives Risiko, RR 1,25) und einem um 17 % höheren Risiko für Adipositas (RR 1,17) verbunden ist. Eine zweite Metaanalyse mit 28 Studien ergab für Nachtarbeit ein Odds Ratio (OR) für Adipositas von 1,23; stärker war der Zusammenhang bei abdomineller Adipositas und dauerhafter Nachtarbeit. In einer weiteren Analyse lag das Risiko für Typ-2-Diabetes bei Schichtarbeitern um etwa 10 % höher. Es handelt sich um Beobachtungsstudien: Sie zeigen, dass die Faktoren gemeinsam auftreten, beweisen aber nicht, dass der Dienstplan allein die Adipositas eines bestimmten Menschen verursacht hat; ein Teil des Unterschieds geht auf Ernährung, weniger Bewegung und Rauchen zurück.
Wie beeinflusst die Schlafdauer das Abnehmen?
In einer Metaanalyse mit über 600.000 Erwachsenen war kurzer Schlaf mit häufigerer Adipositas verbunden (OR 1,55), und jede Stunde weniger Schlaf ging mit einem um 0,35 Punkte höheren BMI einher. In einer Interventionsstudie hielten zehn Erwachsene mit Übergewicht in zwei 14-tägigen Phasen dasselbe Kaloriendefizit ein, einmal mit 8,5 und einmal mit 5,5 Stunden, die für Schlaf vorgesehen waren. Bei kürzerem Schlaf war der Fettanteil am verlorenen Gewicht um 55 % geringer, der Verlust an fettfreier Masse, zu der nicht nur Muskeln gehören, um 60 % größer, und die Teilnehmenden hatten mehr Hunger. In einer zweiten Studie unter häuslichen Bedingungen verlängerten 80 Erwachsene mit Übergewicht, die weniger als 6,5 Stunden schliefen, ihren Schlaf im Mittel um 1,2 Stunden und nahmen im Mittel etwa 270 kcal pro Tag weniger zu sich, ohne Ernährungsempfehlungen. Beide Studien waren kurz und umfassten ausgewählte Gruppen, daher garantieren sie diesen Effekt nicht bei jedem Patienten.
| Situation in den Studien | Bedeutung für die Behandlung | Ergebnis |
|---|
Schichtarbeit unabhängig vom System: Übergewicht und Adipositas | Wir fragen im Erstgespräch nach dem Dienstplan und berücksichtigen ihn im Behandlungsplan | Übergewicht 25 % häufiger, Adipositas 17 % häufiger |
Dauernachtarbeit im Vergleich zu Wechselschicht | Bei Dauernachtschicht besprechen wir Essens- und Schlafzeiten besonders genau | Chance für Adipositas um 43 % höher bei Dauernachtarbeit und um 14 % bei Wechselschicht |
Abdominelle Adipositas bei Schichtarbeit | Wir bitten um die Messung des Taillenumfangs, nicht nur des Gewichts | Chance für abdominelle Adipositas um 35 % höher |
Kurzer Schlaf bei Erwachsenen | Wir fragen nach der Schlafdauer getrennt für Arbeitstage und freie Tage | Chance für Adipositas um 55 % höher |
Reduktionsdiät mit 5,5 statt 8,5 Stunden Schlaf, 10 Personen | Wir achten auf ausreichend Eiweiß in den Mahlzeiten und auf Krafttraining | Fettanteil am verlorenen Gewicht um 55 % geringer |
Schlafverlängerung um 1,2 Stunden, 80 Personen | Schlaf besprechen wir zusammen mit der Ernährung, ohne Ernährungsänderungen aufzuschieben | etwa 270 kcal weniger pro Tag |
Schichtarbeit und Typ-2-Diabetes | Blutzuckertests planen wir passend zum Dienstplan und bestätigen auffällige Werte | Diabetes etwa 10 % häufiger |
Wie passen wir die Behandlung an den Dienstplan an?
Wir beginnen mit möglichst regelmäßigen Schlaf- und Ruhezeiten, die zum Dienstplan passen. Ein Nickerchen nach der Nachtschicht kann helfen, ersetzt aber keinen ausreichenden Schlaf. Danach legen wir die Essenszeiten fest. Die Hauptmahlzeit empfehlen wir vor Arbeitsbeginn, nachts einen leichten Snack mit Eiweiß, weil eine nächtliche Mahlzeit den Blutzucker stärker erhöht und öfter zu einem Nachschlag am frühen Morgen führt. Den Zeitpunkt des letzten Kaffees und den Kontakt mit hellem Licht legen wir individuell fest, abhängig von Schicht- und Schlafzeiten. Im Schlafzimmer helfen verdunkelte Fenster.
Die Einnahmezeiten der Medikamente lassen sich an einen wechselnden Dienstplan anpassen. Semaglutid und Tirzepatid werden einmal pro Woche zu beliebiger Tageszeit gespritzt, daher wählt der Patient einen festen Wochentag. Liraglutid wird täglich angewendet, möglichst zu einer ähnlichen Uhrzeit, die der Patient an seinen Alltag anpasst. Orlistat wird zu fetthaltigen Mahlzeiten eingenommen, auch nachts. Eine vergessene Dosis wird nicht mit einer doppelten Injektion nachgeholt; die Regeln für den Wechsel des Injektionstags und das Vorgehen nach einer vergessenen Dosis hängen vom Produkt ab, deshalb besprechen wir sie zu Behandlungsbeginn.
Schichtarbeit kann die Adipositasbehandlung erschweren, wirkt sich aber bei jedem Patienten anders aus. Ziel und Tempo der Behandlung legen wir anhand von Gesundheitszustand, Schlaf, Dienstplan und Verlauf der ersten Therapiemonate fest, nicht allein nach der Zahl der Jahre in Schichtarbeit.